Junglandwirte Kongress 2018

Gestern war ich am Junglandwirte Kongress in Degendorf. Auch hier sind die großen Themen Digitalisierung, gesellschaftlicher Wandel und neue Technologien allgegenwärtig.
Über meine Eindrücke möchte ich kurz berichten und eine grobe Zusammenfassung der Vorträge liefern.

Rasante Veränderung durch neue Technologie

Mit dem Vortrag von Prof. Dr. Breuning wurde der Kongress eröffnet. Er “beamt” den Saal ins Jahr 2033 und versucht die Landwirtschaft der Zukunft zu beschreiben.

Schnell wird klar, dass durch Technologien wie z.B. “Precision farming” durch KI gestützte Herbizidapplikation oder GPS gesteuerte Traktoren die automatisiert die Spur halten, bereits eine neue Ära begonnen hat.

Er zeigt auf, wie in den nächsten Jahren aus unserer Industriegesellschaft eine Netzwerkgesellschaft wird und welche Vorteile für die Direktvermarktung der Landwirte mit automatisierten Liefersystemen aufkommen können.

Außerdem beschäftigt er sich mit dem Thema “Essen”, welches zunehmend nicht nur als Nahrungsaufnahme dient sondern zur “POP”-Kultur wird. Es wird zur Lebenseinstellung und Mittelpunkt der Persönlichkeit, Menschen identifizieren sich mit ihrem Essen und wollen daher bessere Qualität, BIO oder zumindest Herkunftsnachweise.

Lebensmittelproduktion in der Stadt

Bastian Winkler geht in seinen Vortrag auf ein Problem ein, welches in der Gesellschaft wohl eher verdrängt wird.
Durch Landflucht und das Wachstum der Weltbevölkerung werden wir in den nächsten 10 Jahren ca. 70% mehr Lebensmittel benötigen.

Durch Ideen wie Hydroponic- oder Vertical-Farming könnten auf wenig Fläche und sogar in der Stadt Lebensmittel hergestellt werden. Ein Gesellschaftstrend, das Urban Gardening, findet bereits in den letzten Jahren mehr und mehr Anklang und verbindet Menschen aller Altersgruppen. Interessant hierbei, die Motivation der Menschen ist nicht primär die Produktion von Lebensmitteln, sondern der soziale Kontakt und das Naturerlebnis gepaart mit dem Interesse nachhaltig etwas für unsere Welt zu tun.

Allerdings sind größere Farmen noch nicht wirtschaftlich umsetzbar. Dies belegt eine Studie des DLR aus welcher hervorgeht, dass in einem hierfür berechneten und simulierten Hochhaus, die Produktion von Lebensmitteln wie Fisch und Gemüse noch ca. 13€ je Kg kosten würde.

Essbare Insekten

Dr. Christopher Zeppenfeld spricht in seinem Vortrag über Insekten als Proteinlieferant für die Ernährung der Zukunft. Der Wohlstand der Menschen sorgt dafür, dass die Nachfrage nach hochwertigem Protein, z.B. Fleisch ansteigt. Für mehr Viehhaltung im konventionellen Sinne fehlen uns die Flächen um die zukünftige Nachfrage zu decken.

Insekten sind bereits in vielen Ländern als hochwertige, Vitamin- und Ballaststoffreiche Lebensmittel bekannt.
Mit seinem Start-Up bringt er Insekten als Lebensmittel auf den deutschen Markt und spricht über die Probleme. Es fehlt weniger an der gesellschaftliche Akzeptanz, problematisch sind eher fehlende Bestimmungen und Regelungen in der Gesetzgebung rund um die Lebensmittelproduktion und -vermarktung.

Für unsere Landwirte in Deutschland seien Insekten derzeit noch keine gute Investition. Auch hier fehlen Regelungen zur (Massen-)Tierhaltung und es bestehen erhebliche Probleme mit dem Energiebedarf. Daher ist eine Zucht von Insekten bei uns nur unter guten Rahmenbedingungen wirtschaftlich, z.B. wenn die benötigte Wärme aus angrenzenden großen Anlagen “abgezapft” werden kann und somit günstig zur Verfügung steht.

Innovatives Bauen

Im Vortrag von Anja Krepart geht es primär um EIP-Agri Projekte zur Optimierung der Haltungsbedingungen von Schweinen und Milchvieh.
Sie erläutert anhand von Beispielen wie Emmissionen verringert oder den Tieren zusätzliche Freiräume geschaffen werden können.

Interessant wird es bei den Nebenthemen. Hier spricht sie darüber, dass die Öffentlichkeitsarbeit und Soziale Netzwerke auch für den Landwirt immer wichtiger werden.
In fast allen Projekten werden Besucherräume eingeplant oder ein Tag der offenen Tür veranstaltet, wenn ein Stall fertig gebaut ist. Dies geht soweit, dass ein Landwirt im Dachbereich des Stalls eine “Besucher-Gangway” integriert, sodass interessierte Menschen über den Köpfen der Kühe entlangwandern können.

Foto: BBV

Unkrautregulierung durch Robotereinsatz

Nach der Mittagspause geht es in die Kernthemen der Digitalisierung. Mit autonomen Robotern möchte das Start-Up um Anette Mezger dem Unkraut im Zuckerrübenanbau ohne Herbizideinsatz zu Leibe rücken.

Sie berichtet darüber, wie sie die KI mit unzähligen Bildern von Unkräutern und Zuckerrüben in unterschiedlichsten Wachstumsphasen gefüttert haben, um eine “Menschenähnliche” Erkennungsrate zu erreichen. 
Außerdem haben sie unterschiedlichste Werkzeuge ausprobiert um Unkraut schnell und effizient zu entfernen.

Auch wenn bereits einige Exemplare der Roboter im Labor gebaut wurden, ist an eine Serienfertigung in den nächsten Jahren noch nicht zu denken. Die Erkenntnisse sollen aber z.B. in optionale Module fließen, welche zu bereits bestehenden Maschinen erhältlich sein werden.

Leben, Arbeiten, Konsumieren

Anja Kirig erläutert wie aus großen Megatrends einzelne Sozio Kulturelle Trends und daraus wieder Konsum Trends werden.
Den Wandel in der Gesellschaft begründet sie darauf, dass das Leben nicht mehr linear verläuft, wie das noch von einigen Jahren der Fall war. Viel mehr würden sich, durch die zunehmende Selbstverwirklichung, die Lebensabschnitte wiederholen. Dies sieht man z.B. in der großen Anzahl an Menschen, welche mit über 40 nochmal neu durchstarten, ein Start-Up gründen oder den Beruf wechseln.

Weiterhin geht sie auf Themen ein, welche den Tag über bereits mehrfach angesprochen wurden. Die begründet aus den Trendforschungen heraus wie Urban Gardening und Vertical Farming in Zukunft zu unsere Leben gehören wird.
Außerdem erläutert sie das Umdenken der Verbraucher welche mehr und mehr ökologisch geprägtes Verhalten bevorzugen, auch wenn sie dieses noch nicht durchgängig auch in die Tat umsetzen.

Aus der Gesellschaft heraus wird ein Wandel stattfinden, von einer Grünen Ökologie zu einer Blauen Ökologie.
Dies beinhaltet insbesondere den veränderten Umgang mit den vorhandenen Ressourcen, aber auch die Veränderung des Marktes durch den Wegfall von Zwischenhändlern, wenn Direktvermarktung durch automatisierte Lieferdienste möglich wird.